Medizin und Gender

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Ein Blick hinter die Kulissen

Familie und Führungsposition? Ja! Mentorin Dr. Andrea Beuleke (v. l.), Chefärztin der Allgemeinchirurgie am KRH Klinikum Großburgwedel, und Mentee Petra Ramenda, Fachärztin am KRH Klinikum Siloah mit Sohn Leif.

Oberärztinnen und Chefärztinnen sind eine seltene, aber wachsendes Gruppe an den KRH Kliniken. „Die Medizin ist weiblich“, sagt Susanne Klyk, Gleichstellungsbeauftragte im KRH und damit hat sie Recht. Mehr Frauen als Männer studieren Humanmedizin, doch umso höher die Karrierestufe, um so weniger Frauen finden sich in den bundesdeutschen Krankenhäusern in medizinischen Führungs- und Leitungsfunktionen. Wie kommt das?

Dabei geht es in dieser Frage gar nicht darum, einem Geschlecht höhere Fertigkeiten, höheres Einfühlungsvermögen oder höhere Durchsetzungskraft zuzuschreiben, sondern darum, die zukünftige Versorgung in Krankenhäusern zu sichern und die bisherige hohe Behandlungsqualität zu wahren.

Mit dem Projekt „Fachkräftesicherung durch Gleichstellungspolitik im Krankenhaus“, welches vom Europäischen Sozialfond gefördert wird und an dem das KRH als einer von wenigen medizinischen Nahversorgern teilnimmt, sollen diese wichtigen Fragen angegangen werden.

„Es sind heutzutage im Wesentlichen nicht mehr Vorurteile, sondern gesellschaftliche und betriebliche Rahmenbedingungen, die es Frauen schwer machen, Führungspositionen anzutreten. Entschließt sich eine junge Ärztin zur Familie, ist sie wichtige Jahre aus dem Karriereprozess ausgeschlossen und kann selbst nach der Elternzeit meistens nur in Teilzeit arbeiten“, betont Klyk. „Darum müssen wir prüfen, inwieweit wir Führung anders und auch in Teilzeit anbieten können.“

Wie soll da ein Projekt helfen? „Ärztinnen müssen sich klare Ziele setzen. Führungspositionen neben Familie und Privatleben in Einklang zu bringen, erfordert ein hohes Maß an Organisation, aber auch Durchsetzungsfähigkeit. Das Mentoring-Projekt soll den Ärztinnen Erfahrungen an die Hand geben und sie auf Führungspositionen vorbereiten“, sagt Klyk. „Kinder zu erziehen ist kein Makel, sondern qualifiziert in besonderem Maße zur Verantwortungsübernahme für andere Menschen.“

Das geförderte Projekt wird als Mentoring-Projekt benannt. Zuerst konnten sich interessierte Ärztinnen als Mentees anmelden. Zudem stellten sich Mentorinnen und Mentoren, also Ärzte oder Ärztinnen in Führungspositionen, zur Verfügung. Dann ermittelte das Gleichstellungsreferat aus Vorgesprächen zu Erwartungen und Stärken sogenannte Mentoring-Tandems, die aus verschiedenen Stationen stammen.

„Die Tandems profitieren voneinander und es bringt einen frischen Wind auf Station. Wir im KRH fördern gezielt weibliches Potential“, sagt Michael Born, Geschäftsführer Personal im KRH und Schirmherr des Projektes.

Die Tandems treffen sich nach Absprache. Sie reden über ihre Erfahrungen und Erlebnisse, über ihre Wahrnehmungen im beruflichen Aufstieg und die Mentoren und Mentorinnen geben Tipps und ihre persönlichen „Erfolgsmodelle“ weiter. Zwei dieser Tandems standen für ein Interview bereit und berichteten über ihre Erfahrungen.

Diese zwei Tandems bestehen aus Dr. Andrea Beuleke, Chefärztin für Allgemeinchirurgie am KRH Klinikum Großburgwedel und Petra Ramenda, Fachärztin in der Allgemeinchirurgie im KRH Klinikum Siloah sowie aus Prof. Dr. Jan Rudolf Ortlepp, Chefarzt der Klinik für Innere Medizin am KRH Klinikum Agnes Karl Laatzen und Dr. Bärbel Versen, Oberärztin in der Klinik für Anästhesiologie am KRH Klinikum Siloah.

Die Ziele der Ärztinnen sind der Aufstieg auf der Karriereleiter, daneben die Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Bärbel Versen arbeitet in Teilzeit im OP. Petra Ramenda ist nach ihrer Elternzeit heute wieder Vollzeit tätig. Beide sehen in der Work-Life-Balance und der ärztlichen Rolle in der Klinikmedizin eine Aufwertung. Allerdings seien Familie und Arbeit schwer zu vereinen und Ärztinnen würden als „Teilzeitmütter“ abgeschrieben, teilweise als „Fleißige Bienchen“ oder als „selbstverständliches Grundrauschen“ wahrgenommen.

„Frauen müssen für den gleichen beruflichen Erfolg mehr Einsatz zeigen und stellen sich nicht genug in den Vordergrund“, sagt Ramenda. „Die Schwangerschaft oder schon die mögliche Schwangerschaft einer Frau führt zu einer veränderten Wahrnehmung auf der Karriereleiter. Auszeit oder Teilzeit durch Kindererziehung heißt dann schnell ´weniger gut´“, ergänzt Versen.

Versen arbeitet seit 27 Jahren im KRH und ist, auch dank der Hilfe ihres Mentors, seit März diesen Jahres Oberärztin. „Das Projekt hat mir sehr geholfen und ich kann es nur weiterempfehlen“, sagt sie überzeugt. Petra Ramenda arbeitet seit 2009 im KRH und hat mit Hilfe der Beratung durch ihre Mentorin bereits die Entfristung ihres Arbeitsvertrages erreicht. „Mein nächstes Ziel ist es, Oberärztin zu werden.“

Chefärztin und Mentorin Andrea Beuleke freut sich über das Projekt: „Hier bekomme ich Einblicke in die Sichtweisen einer heutigen Assistenzärztin. Ich kann Tipps geben, aus meinen Erfahrungen berichten und auch die Blickwinkel von Chefärztinnen und Chefärzten vermitteln. Darüber hinaus nehme ich Impulse für meinen eigenen Führungsstil mit. Beeindruckt bin ich jedes Mal von dem Engagement und der Motivation von Frauen in der Medizin, trotz zeitlich begrenzter Ressourcen durch familiäre Aufgaben.“

„Im KRH arbeitet eine sehr große Anzahl an hochqualifizierten Ärztinnen, die herausragende Arbeit leisten“, betont Geschäftsführer Born: „Wir benennen die Probleme offen und mit dem Mentoring-Projekt hat sich das KRH auf den Weg zu einer gleichberechtigten Karriere im Krankenhaus begeben.“ Das Projekt läuft bis April 2020.

 

 

Mittwoch, 22. Mai 2019